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Doc_Wuffi

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Dienstag, 23. Juni 2009, 14:12

Der Niedergang der Musikbranche

Zufällig bin ich in der Süddeutschen Zeitung über einen Artikel von John Mellencamp gestolpert, der eigentlich sehr schön wieder gibt, warum (aus Sicht der Musiker) die Musikbranche in den Abwärtsstrudel geraten ist.

Zitat

Wie ein Rudel Katzen / Keine Zeit mehr für Musik
05.04.2009, 8:03

Von John Mellencamp

Es ist nicht so, dass die Menschen Musik nicht mehr lieben. Es ist die Art, wie sie ihr angeboten wird, die nichts Menschliches mehr hat. Ein Rockstar über den Zustand der Musikindustrie.

In den vergangenen Jahren haben wir alle den Niedergang des Musikgeschäftes beobachtet, der abwechselnd den Plattenfirmen, den Künstlern und dem Internet in die Schuhe geschoben wurde. Wir haben viel über die "guten alten Zeiten" gehört und gelesen, als Musik noch eine Kunstform war, die gesellschaftliche Bewegungen auslösen konnte. Das scheint nun alles Vergangenheit zu sein. Und nach 35 Jahren als Künstler im Musikgeschäft fühle ich mich eher gezwungen als inspiriert, mich für meine Künstlerkollegen starkzumachen und unsere Seite der Geschichte zu erzählen.

Hätte die Musikindustrie ihre Visionen nicht dem Bilanzwahn der Erbsenzähler geopfert, hätten sich die Musiker sicherlich weiter darauf konzentrieren können, ihre Musik zu machen, statt sie zu vermarkten. Doch während der späten achtziger und frühen neunziger Jahre durchlief die Musikindustrie eine Wandlung, die eine Restrukturierung nach sich zog, die von drei Faktoren bestimmt war. Plattenfirmen betrachteten sich auf einmal nicht mehr als Vermittler von Musik, sondern als Teil der Wall-Street-Manipulationen. Firmen wurden übernommen, fusioniert, verkauft; Börsengänge folgten, Aktionäre tagten.

Gleichzeitig etablierte das Medienforschungsunternehmen Nielsen zwei neue Systeme, um Plattenverkäufe und Radioquoten zu ermitteln - Soundscan und Broadcast Data Systems, BDS. Vor 1991 erstellte man die Hitparaden bei Billboard noch manuell. Man befragte Radiosender und Plattenläden im ganzen Land, um ihre Wiedergabelisten und Bestseller zu ermitteln. So hatte Oklahoma eine ebenso gewichtige Stimme wie Chicago. BDS verfolgt dagegen mittels eines Kodierungssystems, wie oft ein Song abgespielt wird.

Soundscan zählt die Plattenverkäufe wiederum über die Barcodes, die in die Ladenkassen eingegeben werden. Dieses System hat Popularität durch reine Kopfzahl ersetzt. Plötzlich standen Platten auf Platz eins der Hitparaden, von denen wir noch nie gehört hatten. Wir fragten uns noch, ob wir einfach keine Ahnung mehr hatten. Uns war jedenfalls nicht klar, dass sich hier eine Wandel vollzog, der vielleicht nicht das Musikgeschäft, aber doch die Plattenfirmen umbringen sollte.

Ronald Reagans vielgerühmte "Trickle-Down"-Theorie besagte, dass Reichtum von den Eliten zu den Massen heruntersickert. Wir wissen längst, dass das Schwachsinn ist. Das Gleiche gilt für die Musik. Sie sickert nicht zu den Massen herunter. Sie geht von den Musikern aus, verbreitet sich durch Mundpropaganda, sickert von der Straße in die allgemeine Bevölkerung. Doch nun kam die Musik von oben und wurde den Leuten in den Schlund gerammt.

Neue Technologien als Chance
1997 waren Kreativität und die Musiker selbst zweitrangig geworden. Sie hatten sich der Wall Street unterzuordnen, während die Plattenfirmen an die Börse gingen. Die Plattenfirmen betrieben mit ihren Musikern unterdessen einen Ramschverkauf und zwangen sie, ihren neuen Konzernherren in den Arsch zu kriechen. Es ging nur noch darum, die Aktionäre zufrieden zu stellen, um Quartalsbilanzen. Altgediente Mitarbeiter dieser Firmen wurden der Rentabilität geopfert. Eine Kultur der Gier erfasste selbst die leidenschaftlichen Musikliebhaber in der Industrie. Abverkäufe, wer in der jeweiligen Woche die Nummer eins hatte und wer in den Hitparaden aufstieg oder fiel schienen die einzigen Existenzberechtigungen für Musik zu sein.

In der Zwischenzeit machte die Technologie - wie immer - enorme Fortschritte. Für uns Musiker hätte dieser Fortschritt eigentlich nur Vorteile haben sollen - bessere Klangqualität, bessere Zugriffsmöglichkeiten, erhöhte Mobilität. Genau dieser Fortschritt wird nun allerdings für vieles verantwortlich gemacht, das dem Musikgeschäft zusetzt. Es waren allerdings die Industriekapitäne, die unfähig waren, einen langfristigen Blick in die Zukunft zu werfen, was diese neuen Technologien zu bieten hatten. Weil sie aber die Möglichkeit nicht erkannten, brachten sie uns mit ihrer Ahnungslosigkeit in eine albtraumhafte Situation. Der Albtraum war dabei der schlichte Umstand, dass sie nicht wussten, wie sie die neuen Technologien für uns nutzen könnten.

Man sollte dabei anmerken, dass die CD eine reine Erfindung der Habgier ist. Sie wurde aus dem Kalkül heraus lanciert, dass die Leute CDs von Alben kaufen, die sie schon auf Schallplatte hatten. In der Autoindustrie nennt man so etwas "geplante Veraltung". Klangqualität war angeblich eines der wichtigen Verkaufsargumente für die CD, aber wir wissen, dass die nicht viel taugte. Es war ein einziger großer Schwindel auf Kosten der Musikkonsumenten.

Der Masse ist Musik egal
Jetzt heißt es, dass sich die Künstler doch selbst darum kümmern sollen, mit ihrer Musik Geld zu verdienen. Kann man im heutigen Geschäftsklima von einem Künstler wirklich verlangen, dass er seine Stücke komponiert, aufnimmt, aufführt, verlegt und auch noch seine eigene Karriere vermarktet? Ich finde es immer sehr amüsant, dass Leute, die in ihrem Leben noch keine Platte aufgenommen oder einen Song geschrieben haben, so viel besser wissen, was ein Künstler zu tun hat, als die Künstler selbst.

Woody Guthries Tochter Nora erzählte mir einmal eine Geschichte über einen Empfang, auf dem auch Bob Dylan war. Hinter vorgehaltener Hand ließen sich die Menschen aus der Industrie darüber aus, was für ein ungeselliger Mensch dieser Dylan doch sei. Als Nora davon hörte, sagte sie etwas sehr Grundsätzliches. Sie sagte, dass Bob Dylan nicht geboren wurde, um sich am Cocktailgeschwätz fremder Menschen zu beteiligen. Sein Sinn im Leben sei es, großartige Songs wie "Blowin' In The Wind" und "The Times They Are A'-Changin'" zu schreiben.

Mit dieser Geschichte ist für mich alles gesagt. Ein Künstler ist auf der Welt, um dem Zuhörer die Chance zu geben, etwas Wahrhaftiges zu erleben, selbst wenn er es nur in kleinem Rahmen schafft. Aber auch wenn ein Musiker nur für dreieinhalb Minuten unterhält, ist das etwas, für das man dankbar sein kann. Überlegen Sie sich einmal, was für eine Bereicherung ein Song wie "Like A Rolling Stone" für unser Leben ist. Im Gegensatz zu einem Schlager wie "Monster Mash".

Der breiten Masse Musik weitgehend egal
Heute werden wir Musiker, ich selbst eingeschlossen, gerne für unsere Versuche kritisiert, neue Wege zum Publikum zu finden. Bruce Springsteen zum Beispiel, weil er ein Album beim Kaufmarktkonzern Wal-Mart veröffentlicht. Wir wissen alle, was Wal-Mart bedeutet. Aber die alten Spielregeln gelten nicht mehr. Weil es kein Spiel mehr gibt. Es gibt keine Straße mehr, auf der sich die Musik durchsetzen kann. Es gibt keine Zeit mehr für Musik, sich zu entwickeln und zu reifen. Kein Wunder, dass der breiten Masse Musik weitgehend egal ist. Es ist ja nicht so, dass die Menschen Musik nicht mehr lieben. Es ist nur die Art, wie sie ihr angeboten wird, die nicht mehr viel Menschliches hat.

Ich habe Don Henley einmal vorgeschlagen, dass wir eine Künstlerplattenfirma gründen sollten, ähnlich wie Charlie Chaplin das vor 90 Jahren in der Filmindustrie vorgeführt hat, als er sich mit Mary Pickford und Douglas Fairbanks zusammentat, um United Artists zu gründen. Dons Antwort war ganz richtig. Er sagte, zu versuchen, Künstler und Geschäftsleute dazu zu bringen zum Wohle aller Beteiligten zu arbeiten, sei genauso sinnvoll, wie ein Rudel Katzen zu hüten.


Quelle: Süddeutsche Zeitung

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